Wie eine Allgäuer Kuh fast am Schwanz gescheitert wäre – Gründerstory Teil 4
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Als ich anfing, Holzspielzeug im Allgäu herzustellen, machte ich mir natürlich über einige Dinge Gedanken. Welches Holz eignet sich? Welche Maschinen brauche ich? Wie muss eine Figur gestaltet sein, damit sie gut aussieht und auch einen sicheren Stand hat? Welche Farben kann ich verwenden und was muss ich beachten, damit am Ende aus einem Stück Holz tatsächlich ein Spielzeug werden darf?
Worüber ich mir zunächst keine Gedanken gemacht hatte, war der Schwanz meiner Kuh.
Dass ausgerechnet ein Allgäuer Braunvieh zu den ersten Allgäuer Holztieren gehören sollte, war klar. Schließlich lässt sich kaum ein Tier so unmittelbar mit dem Allgäu verbinden. Braunvieh gehört zu den Wiesen und Alpen, zur Viehscheid und zu jenem vertrauten Bild der Allgäuer Kulturlandschaft, das Einheimische ebenso kennen wie Menschen, die hier ihren Urlaub verbringen. Wenn ich also schon eine Holzkuh machen wollte, dann sollte sie nicht irgendeine Kuh darstellen, sondern ein Stück Allgäu.
Wie viel Kuh braucht eine Holzkuh?
Damit begann eine Frage, die mich später bei jedem neuen Holztier begleiten sollte: Wie weit kann ich eine Form reduzieren und trotzdem den Charakter eines Tieres erhalten? Mein Anspruch war nie, Tiere möglichst naturgetreu in Holz nachzubauen. Mich interessiert, welche Linien und Merkmale ausreichen, damit wir ein Tier erkennen. Beim Braunvieh sind es die kräftige Körperform, der Verlauf von Rücken und Hals, die Hörner, das Euter und der ruhige, sichere Stand. Gleichzeitig darf nichts nur deshalb an der Figur sein, weil es beim echten Tier ebenfalls vorhanden ist. Jedes Detail muss etwas zur Form beitragen und sich im Material behaupten können.
Genau daraus entwickelte sich mit der Zeit die Designphilosophie der Allgäuer Holztiere. Ich reduziere eine Figur so weit, bis das übrig bleibt, was ihren Charakter trägt. Die Gesichter bleiben bewusst ohne festgelegte Mimik, die Formen sollen sich gut anfühlen und die Figuren müssen dem Alltag im Kinderzimmer standhalten. Ein Holztier soll Kindern nicht vorgeben, welche Geschichte mit ihm gespielt wird. Es soll ihnen Raum lassen, ihre eigene daraus zu machen.
Bei meiner ersten Kuh war diese Philosophie noch kein fertig formulierter Gedanke. Ich musste sie mir buchstäblich erarbeiten. Die ersten Entwürfe waren gemacht, die Form entwickelte sich und mit jedem Versuch kam ich der Kuh näher, die ich im Kopf hatte. Hörner, Euter, Proportionen und ein sicherer Stand mussten zusammenpassen und gleichzeitig so gestaltet sein, dass sich die Figur tatsächlich aus Holz herstellen ließ.
Nach einigen Anläufen hatte ich schließlich ein Allgäuer Braunvieh vor mir, mit dem ich fürs Erste ziemlich zufrieden war. Eigentlich hätte ich mich einfach freuen können, wäre da nicht ein Detail gewesen, über das ich mir bis dahin kaum Gedanken gemacht hatte: Meiner Kuh fehlte der Schwanz.
Wie schwer können fünf Zentimeter Schnur schon sein?
Die naheliegende Lösung wäre gewesen, eine passende Schnur zu kaufen, ungefähr fünf Zentimeter davon abzuschneiden und sie an der Kuh zu befestigen. Im Internet findet man schließlich Kordeln in jeder nur denkbaren Farbe, Stärke und Materialzusammensetzung. Das Problem war nur, dass ich nicht irgendeine dekorative Holzfigur herstellen wollte, sondern Spielzeug.
Damit änderte sich die Fragestellung. Es ging nicht mehr allein darum, ob mir eine Schnur gefiel und ob sie optisch zu meiner Kuh passte. Ich musste nachvollziehen können, welches Material ich verwende und welche Informationen mir der Lieferant dazu geben konnte. Eine hübsche Kordel aus dem Bastelbedarf, bei der sich all das nicht vernünftig nachvollziehen ließ, war damit keine Lösung.
An diesem Punkt bekam mein kleines Gründungsabenteuer eine gewisse Komik. Ich hatte eine Werkstatt eingerichtet, mich für mein Vorhaben mit den geeigneten Maschinen beschäftigt, Holz gekauft, Entwürfe erstellt, Formen verändert, gesägt und geschliffen und dabei langsam gelernt, wie aus einer Idee ein reproduzierbares Holztier werden kann. Und nun kam meine Kuh wegen fünf Zentimetern Schnur nicht weiter.
„Ausgerechnet der Schwanz meiner ersten Kuh zeigte mir, welchen Einfluss kleinste Details haben können, wenn man Spielzeug herstellen möchte.“
Das war eine Erfahrung, die mich in dieser Phase immer wieder begleiten sollte. Viele Probleme waren nicht besonders spektakulär. Sie bestanden aus Kleinigkeiten, die sich zunächst nach fünf Minuten Arbeit anhörten und einen anschließend mehrere Tage beschäftigen konnten. Also suchte ich weiter nach einer Schnur, die zu meiner Kuh passte und für die ich zugleich die notwendigen Informationen und Nachweise bekam.
Denn was nach einer Kleinigkeit klingt, wird bei der Herstellung von Spielzeug schnell zu einer Frage von Materialien, Normen und Spielzeugverordnung. Auch deshalb bin ich heute Mitglied bei Wir machen Spielzeug e. V.. Der Austausch mit anderen Spielzeugherstellern und der Zugang zu aktuellem Normenwissen helfen mir dabei, solche Fragen fundiert einzuordnen. Denn die Verantwortung dafür, welche Materialien am Ende in einem Spielzeug stecken, liegt bei mir als Hersteller.
Die Lösung lag in meiner alten Heimat
Irgendwann hatte ich die Kuh hinten angestellt und mich bereits mit einem neuen Holztier beschäftigt, als mir ein traditionsreicher Familienbetrieb aus meiner alten Heimat einfiel. Ich gebe zu, dass mein Herz beim Besuch ein bisschen höher schlug. Seit vier Generationen werden dort Seile gefertigt und schnell stellte ich fest, dass ich mit meinem Kuhschwanz genau richtig gelandet war. Zwischen all den Seilen und Schnüren fand ich, wonach ich gesucht hatte: eine regional gefertigte, 8-fach geflochtene Flachsschnur mit fünf Millimetern Durchmesser. Der Flachs stammt aus Niedersachsen und die notwendigen Informationen zum Material waren sauber dokumentiert. Nach den vielen erfolglosen Anläufen passte plötzlich alles zusammen.
Diese Verbindung aus Erfahrung, regionaler Fertigung und einem Naturmaterial mit klarer Herkunft entsprach ziemlich genau dem, was ich mir auch für die Allgäuer Holztiere vorgenommen hatte. Gleichzeitig bekam ich die notwendigen Informationen und Nachweise zum Material. Solche Unterlagen sieht später niemand, bei der Herstellung von Spielzeug gehören die entsprechenden Informationen aber genauso dazu wie beim Holz, bei den Lasuren oder beim eingesetzten Hartwachs-Öl.
Damit konnte ich das Projekt Allgäuer Kuh endlich wieder nach vorne holen. Zunächst kaufte ich einige Meter der Flachsschnur und verwendete sie für die ersten Tiere. Mit steigenden Stückzahlen änderte sich irgendwann auch die Beschaffung. Statt immer wieder kleinere Mengen zu kaufen, entschied ich mich vor einigen Wochen für eine eigene Spule. Heute bin ich stolzer Besitzer einer 250-Meter-Spule.
Was zu Beginn meiner kleinen Kuhproduktion völlig überdimensioniert gewesen wäre, ist inzwischen eine sinnvolle Investition. Das Allgäuer Braunvieh gehört heute zu den am häufigsten verkauften Allgäuer Holztieren und auch bei der Esel-Stute kommt die Flachsschnur inzwischen zum Einsatz.
Ausgerechnet diese Kuh
Eine Kuh ist im Allgäu mehr als eines von vielen Hoftieren. Braunvieh gehört zu unserer Kulturlandschaft. Man begegnet den Tieren auf den Wiesen im Tal, hört beim Wandern die Schellen und trifft sie im Sommer auf den Alpen. Spätestens beim Viehscheid wird sichtbar, wie eng Landwirtschaft, Landschaft und Allgäuer Kultur miteinander verbunden sind.
Genau diese Verbindung scheint auch meine kleine Kuh aus Ahornholz zu transportieren. Sie wird als Holzspielzeug für Kinder gekauft, als Geschenk für Enkel, als Mitbringsel und inzwischen auch als kleines Souvenir aus dem Allgäu. Manche Kund•innen nehmen sie mit nach Hause, weil sie an schöne Urlaubstage zwischen Bergen, Wiesen und Alpen erinnern soll. Andere einfach deshalb, weil ihnen eine Allgäuer Kuh im Wohnzimmer gefällt.
Woher ich das weiß? Weil mir Kund•innen immer wieder Fotos schicken. Auf manchen steht meine Kuh im Wohnzimmerregal zwischen Büchern, Bildern und persönlichen Erinnerungsstücken. Andere zeigen sie unterwegs im Allgäu. Und gelegentlich bekomme ich Aufnahmen, bei denen ich mich frage, ob die kleinen Holztiere nach dem Verlassen meiner Werkstatt nicht grundsätzlich ein aufregenderes Leben führen als ihr Hersteller.
Eine Allgäuer Kuh auf Wanderschaft
Besonders gefreut hat mich die Nachricht eines Kunden, der während seines Urlaubs im Allgäu mit seiner kleinen Kuh im Eistobel unterwegs war:
„Mit großer Freude mache ich gerade Urlaub im Allgäu und habe heute bei der Wanderung durch den Eistobel mehrere Naturbeobachtung einer Allgäuer Kuh gemacht. Ich schicke mal das ein oder andere Foto mit.“
– Kunde von Allgäuer Holztiere

Solche Bilder freuen mich besonders, denn normalerweise erlebe ich nur den Anfang ihrer Geschichte. Ich fertige die Holztiere in meiner Werkstatt, verpacke sie und schicke sie auf die Reise oder biete sie an ausgewählten Verkaufsstellen im Allgäu an. Wo sie anschließend landen und welche Abenteuer sie erleben, erfahre ich nur selten. Wenn dann ein Foto zurückkommt, schließt sich für einen Moment dieser Kreis. Plötzlich sehe ich eine Kuh wieder, die in einem Wohnzimmerregal steht, mit Kindern spielt oder ausgerechnet durch jene Landschaft getragen wird, die einmal die Idee für sie geliefert hat.
Aus dem Braunvieh aus meiner Werkstatt ist auf diese Weise ein kleiner Botschafter des Allgäus geworden. Nicht als Teil einer Marketingstrategie, sondern weil Kund•innen selbst diese Verbindung hergestellt haben. Für die einen ist die Kuh Spielzeug, für andere ein Geschenk und für wieder andere eine kleine Erinnerung an einen Ort und eine Zeit, mit denen sie etwas Schönes verbinden.
Wenn die Holzkuh auf die Alpe zieht
Einige Allgäuer Holztiere haben es sogar dorthin geschafft, wo eine ordentliche Allgäuer Kuh im Sommer hingehört. Auf der Alpe Berghofer Wald sind die Allgäuer Holztiere den ganzen Alpsommer erhältlich und damit stehen dort kleine Kühe aus Ahornholz nicht weit entfernt von ihren wesentlich größeren Vorbildern. Diesen Gedanken mag ich besonders. Am Anfang wollte ich ein Holzspielzeug entwickeln, das einen glaubwürdigen Bezug zu der Region hat, in der es entsteht. Einige Zeit später zieht genau dieses Holzspielzeug selbst auf eine Allgäuer Alpe und wird dort auf 1.035 Metern von Gästen entdeckt, die es als Erinnerung mit nach Hause nehmen.

Wann bekommt das Allgäuer Braunvieh eine Familie?
Mit den Kühen kamen irgendwann auch die Fragen nach weiteren Familienmitgliedern. Kund•innen schreiben mir immer wieder und wollen wissen, ob das Braunvieh nicht irgendwann Nachwuchs bekommt. Vor allem ein Kälbchen wird vermisst. Ich kann den Wunsch gut verstehen. Eine einzelne Kuh funktioniert als Holzfigur ganz wunderbar, auf einer Allgäuer Weide wäre sie auf Dauer doch etwas einsam. Das Kälbchen steht deshalb längst auf meiner Liste.
Damit beginnt wieder genau jener Prozess, den ich inzwischen ziemlich gut kenne. Aus dem zunächst einfachen Gedanken „Mach doch noch ein Kälbchen“ muss am Ende ein Holztier werden, bei dem Proportionen, Ausdruck und sicherer Stand stimmen, das sich vernünftig fertigen lässt und bei dem man natürlich erkennt, dass dort ein Kälbchen steht und nicht einfach eine verkleinerte Kuh.
Fünf Zentimeter Gründungsgeschichte
Heute gehört der Schwanz zu den eher unspektakulären Arbeitsschritten bei der Herstellung meiner Kuh. Was mich am Anfang lange beschäftigt hat, ist längst zu einem selbstverständlichen Handgriff geworden. Gerade deshalb erzähle ich diese Geschichte gerne. Denn an diesen fünf Zentimetern lässt sich ziemlich gut erklären, was hinter einem vermeintlich einfachen Holztier steckt. Man sieht am Ende eine handgefertigte Kuh aus Ahornholz. Was man nicht sieht, sind die Entwürfe und Versuche davor, das bewusste Reduzieren der Form, die Materialsuche, Gespräche mit Lieferanten, Nachweise und all die kleinen Entscheidungen, die getroffen werden müssen, bevor aus einer Idee ein Spielzeug wird.
Damals stand ich in meiner neu eingerichteten Werkstatt und wusste noch nicht, ob aus den Allgäuer Holztieren tatsächlich einmal ein funktionierendes kleines Unternehmen werden würde. Selbst fünf Zentimeter Schnur konnten plötzlich zu einem Problem werden, für das ich keine schnelle Lösung hatte. Heute stehen meine Kühe in Kinderzimmern und Wohnzimmerregalen. Sie werden als Mitbringsel verschenkt und erinnern Menschen an ihre Urlaubstage im Allgäu. Manche sind auf die Alpe gezogen, andere wandern mit ihren Besitzer•innen durch den Eistobel. Und während ich damals noch darüber grübelte, wie ich meiner ersten Kuh überhaupt einen geeigneten Schwanz verpassen sollte, gehört genau dieses Braunvieh heute zu den am häufigsten verkauften Allgäuer Holztieren.
Ein Stück Allgäu für zuhause
Das Allgäuer Braunvieh entsteht in meiner Werkstatt in Stiefenhofen aus bayerischem Ahorn. Jede Holzkuh wird von Hand gesägt, geschliffen, mit pflanzlichen Lasuren bemalt und mit Hartwachs-Öl geschützt. Ihre reduzierte Form lässt Raum für eigene Geschichten und natürlich bekommt jede Kuh am Ende ihre fünf Zentimeter Flachsschnur. Ob als Holzspielzeug, Geschenk, besonderes Souvenir aus dem Allgäu oder als Erinnerung an schöne Urlaubstage zwischen Bergen, Wiesen und Alpen: Die kleine Braunviehkuh darf ihre Geschichte bei euch weiterschreiben.
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