Die Lust am Unperfekten

Die Lust am Unperfekten

Ein Pferd aus Holz. Keine Fellstruktur, keine aufwendig modellierte Anatomie, kein Gesichtsausdruck, der uns verrät, was dieses Tier gerade empfindet. Nur wenige Linien, eine charakteristische Haltung und eine Form, die sofort erkennen lässt, welches Tier vor uns steht. Und trotzdem hat dieses Pferd etwas, das uns berührt. Er wirkt vertraut, lebendig und auf eine eigenartige Weise sympathisch. Obwohl ihm vieles fehlt, was ein echtes Pferd ausmacht, scheint er eine ganz eigene Persönlichkeit zu besitzen. Wie kann das sein?

Die Antwort liegt nicht allein im Holz und auch nicht in seiner Gestaltung. Sie liegt zu einem guten Teil in unserem Kopf. Denn unser Gehirn nimmt die Welt nicht einfach nur wahr. Es erkennt Muster, ergänzt fehlende Informationen und verbindet das Gesehene mit unseren Erfahrungen, Erinnerungen und Gefühlen. Das Faszinierende daran: Wir alle sehen dieselbe Holzfigur. Und dennoch entdecken wir etwas ganz Eigenes in ihr. Genau dieses Zusammenspiel aus Natur, Wahrnehmung und Fantasie beschäftigt mich bei der Entwicklung der Allgäuer Holztiere.

Die Natur ist meine größte Lehrmeisterin

Wer im Allgäu unterwegs ist, kennt diese besonderen Begegnungen mit der Natur. Ein Reh am Waldrand, ein Eichhörnchen, das über einen Ast huscht, oder ein Fuchs, der in der Dämmerung über eine Wiese zieht. Oft sind es nur wenige Augenblicke. Wir sehen nicht jedes Detail, erkennen aber sofort, welches Tier vor uns steht. Eine Bewegung, eine Körperhaltung oder eine typische Silhouette genügen. Einige meiner Holztiere sind aus solchen Begegnungen entstanden. Die Dachse beispielsweise, die nachts unter dem Mirabellenbaum neben meiner Werkstatt nach heruntergefallenen Früchten suchen. Mich faszinieren die Bewegungen, die gedrungene Körperform und die neugierige Art der Dachse. Es sind nicht die Einzelheiten ihres Fells, die mir in Erinnerung bleiben, sondern ihre gesamte Erscheinung.

Die Formen, die Bewegungen und die unverwechselbaren Merkmale jeder Tierart bilden die Grundlage meiner Gestaltung. Dabei versuche ich nicht, die Natur bis ins kleinste Detail zu kopieren. Ich möchte das einfangen, was ein Tier in seinem Wesen erkennbar macht.

Unser Gehirn sieht mehr, als unsere Augen zeigen

Die Psychologie liefert eine erstaunliche Erklärung dafür, weshalb uns bereits wenige Merkmale genügen, um eine vollständige Form zu erkennen. Die sogenannte Gestaltpsychologie beschäftigt sich damit, wie unser Gehirn einzelne Sinneseindrücke zu sinnvollen Ganzheiten organisiert. Wir nehmen die Welt nicht als ungeordnete Ansammlung von Linien, Farben und Flächen wahr. Unser Gehirn sucht nach Zusammenhängen, erkennt Muster und bildet daraus vertraute Gestalten. Ein wichtiges Prinzip ist dabei die Geschlossenheit. Selbst wenn Teile einer Kontur fehlen, können wir die vollständige Form erkennen. Auch Ähnlichkeiten, räumliche Beziehungen und charakteristische Merkmale helfen uns, das Gesehene einzuordnen.[1]

Bei meinen Holztieren fehlen keine Teile der äußeren Kontur. Was ich bewusst weglasse, sind viele Einzelheiten der natürlichen Erscheinung. Die feine Fellzeichnung, anatomische Feinheiten und eine ausgeprägte Mimik. Unser Gehirn benötigt diese Informationen nicht vollständig, um einen Dachs, einen Fuchs oder ein Pferd zu erkennen. Es verbindet die vorhandenen Merkmale mit dem Wissen, das wir bereits über diese Tiere besitzen. So entsteht aus einer reduzierten Holzfigur in unserer Wahrnehmung ein vertrautes Tier. Und das geschieht erstaunlich schnell.

Warum uns einfache Formen sympathisch sind

Dass wir reduzierte Formen nicht nur erkennen, sondern häufig auch als angenehm empfinden, hat ebenfalls mit der Arbeitsweise unseres Gehirns zu tun. Die Psychologen Rolf Reber, Norbert Schwarz und Piotr Winkielman untersuchten den Zusammenhang zwischen der Leichtigkeit unserer Wahrnehmung und unserem ästhetischen Empfinden. Ihr Forschungsansatz beschreibt die sogenannte Processing Fluency. Gemeint ist die Leichtigkeit, mit der unser Gehirn eine Information verarbeitet. Je müheloser wir eine Form erkennen und verstehen, desto eher kann diese Leichtigkeit zu einer positiven Bewertung beitragen.[2]

Eine klare Silhouette und stimmige Proportionen können deshalb besonders ansprechend wirken. Wir müssen die Figur nicht erst entschlüsseln. Wir erkennen sie unmittelbar. Doch die Sympathie für ein Holztier entsteht nicht allein aus seiner einfachen Form. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Vertrautheit. Unser Gehirn verbindet das Gesehene mit Erfahrungen und Erwartungen. Was wir wahrnehmen, wird also auch davon beeinflusst, was wir bereits kennen. Erkenntnisse aus der modernen Wahrnehmungsforschung zeigen, wie eng die Verarbeitung visueller Informationen mit unserem Wissen über Gegenstände und ihre Umgebung verbunden ist.[3]

Handgefertigtes Holzspielzeug Pferd Haflinger Stute stehend von Allgäuer Holztiere, auf weißem Hintergrund, aus bayerischem Ahornholz gefertigt, mit pflanzlichen Farben rot-braun bemalt, im Allgäu produziert und für Kinder ab 3 Jahren geeignet.

Ein Haflinger aus Holz kann uns an eine Begegnung auf einer Allgäuer Weide erinnern. Ein Reh weckt Erinnerungen an einen Spaziergang durch den Wald. Und ein Dachs ruft die Vorstellung von einem heimlichen, nachtaktiven Waldbewohner hervor. Die Figur selbst erzählt uns davon nichts. Sie gibt lediglich einen Anstoß. Den Rest holen wir aus unserer eigenen Erlebniswelt. Das macht die Holztiere nicht automatisch für jeden Menschen gleichermaßen sympathisch. Aber es erklärt, warum eine einfache Form so viel mehr in uns auslösen kann, als ihre wenigen Details vermuten lassen. Wir sehen nicht nur das Tier. Wir erkennen darin auch etwas von unserer eigenen Welt.

Jeder sieht sein eigenes Holztier

Wenn zwei Menschen dieselbe Holzfigur betrachten, sehen ihre Augen weitgehend dieselben Linien, Farben und Proportionen. Doch das, was sie darin entdecken, kann sich erheblich unterscheiden. Denn unsere Wahrnehmung ist keine exakte Abbildung der Wirklichkeit. Sie entsteht im Zusammenspiel aus den Informationen unserer Sinne und dem, was unser Gehirn bereits weiß. Unsere Erfahrungen beeinflussen, worauf wir achten, welche Eigenschaften wir hervorheben und welche Bedeutung wir dem Gesehenen geben.[3] Jemand, der mit Tieren aufgewachsen ist, betrachtet ein Holzpferd mit anderen Augen als ein Mensch, der Pferde nur aus Bilderbüchern kennt. Wer schon einmal einem Dachs in freier Natur begegnet ist, verbindet mit seiner Darstellung andere Erinnerungen als jemand, der dieses Tier noch nie gesehen hat.

Auch Gefühle spielen eine Rolle. Vertraute Erlebnisse, persönliche Vorlieben und unsere Beziehung zur Natur prägen, was uns an einer Figur anspricht. Dadurch erhält ein und dasselbe Holztier für unterschiedliche Menschen eine ganz eigene Bedeutung. Die reduzierte Gestaltung lässt dafür besonders viel Spielraum. Weil nicht jede Einzelheit ausgearbeitet und nicht jeder Ausdruck festgelegt ist, bleiben verschiedene Interpretationen möglich. Ich gestalte eine Figur. Was andere Menschen darin sehen, kann ich nicht vollständig bestimmen. Und genau das gefällt mir.

Die Kunst, das Richtige wegzulassen

In meiner Werkstatt in Stiefenhofen beschäftige ich mich oft stundenlang mit kleinen Veränderungen, die auf den ersten Blick kaum auffallen. Ein Übergang wird weicher, eine Rückenlinie verändert sich, eine Proportion wird korrigiert. Bei der Entwicklung beginne ich häufig im Bereich von Schulter und Schlüsselbein, weil dort die Bewegung eines Tieres sichtbar wird. Von diesem Ausgangspunkt entwickelt sich nach und nach seine gesamte Form.

Mein Ziel ist es, so lange zu reduzieren, bis die charakteristischen Merkmale übrig bleiben und die Form aus sich heraus verständlich wird. Dabei merke ich immer wieder, wie anspruchsvoll das Weglassen ist. Denn bevor ich etwas entfernen kann, muss ich verstehen, welche Bedeutung es für die Erscheinung des Tieres hat. Das setzt eine intensive Auseinandersetzung mit der Natur voraus. Ich beobachte Tiere, studiere ihre Bewegungen, ihre Anatomie und ihre typischen Körperhaltungen. Erst daraus entsteht eine Form, die ich Schritt für Schritt vereinfache.

Für mich muss gutes Design vor allem begründbar sein. Eine Form sollte nicht nur deshalb entstehen, weil sie mir gefällt. Ich möchte erklären können, warum eine Linie genau so verläuft, weshalb eine Proportion verändert wurde und welchen Zweck ein bestimmtes Detail erfüllt. Dabei spielen neben der Ästhetik auch die Funktion, die Haptik und die Sicherheit eine wichtige Rolle. Schließlich entstehen meine Figuren nicht nur zum Betrachten, sondern vor allem zum Spielen. Gutes Design ist für mich deshalb kein Zufallsprodukt und auch keine Frage des persönlichen Geschmacks allein. Es entsteht aus bewussten Entscheidungen, die sich gestalterisch und funktional erklären lassen. Das gilt für jedes Detail, das bleibt, ebenso wie für alles, was ich weglasse. Ich lasse nicht etwas weg, weil es unwichtig ist. Ich lasse es weg, damit in der Fantasie etwas entstehen kann.

Unperfekt bedeutet für mich deshalb keineswegs ungenau oder nachlässig. Die Formen meiner Holztiere entstehen nicht zufällig. Hinter ihnen stecken genaue Beobachtungen, gestalterische Entscheidungen und zahlreiche Überarbeitungen. Die bewusste Unvollständigkeit ist das Ergebnis eines sehr genauen Gestaltungsprozesses.

Ein Gesicht, tausend Gefühle

Ein besonders wichtiger Teil meiner Gestaltung liegt in den Gesichtern der Holztiere. Sie besitzen bewusst keine ausgeprägte Mimik. Kein aufgemaltes Lächeln, keine hochgezogenen Augenbrauen, keinen Ausdruck, der ein bestimmtes Gefühl festlegt. Diese Zurückhaltung lässt Raum für unterschiedliche Wahrnehmungen. Denn wir Menschen neigen dazu, selbst unbelebten Gegenständen Gefühle, Absichten und persönliche Eigenschaften zuzuschreiben. In der Psychologie wird dieser Vorgang als Anthropomorphisierung bezeichnet. Wir deuten Formen und Bewegungen mit Hilfe unserer Erfahrungen aus der sozialen Welt und erkennen darin etwas Lebendiges.

Ein Holztier besitzt keine Gefühle. Doch wir können es als neugierig, freundlich, vorsichtig oder eigensinnig empfinden. Diese Zuschreibungen entstehen nicht allein durch sein Gesicht. Auch die Körperhaltung, unsere Erinnerungen und die Situation, in der wir die Figur betrachten, beeinflussen unsere Deutung. Weil die Mimik der Allgäuer Holztiere zurückhaltend bleibt, ist ihr Charakter nicht von vornherein festgelegt. Ein Dachs muss nicht immer freundlich aussehen. Ein Fuchs muss nicht listig sein. Und ein Pferd darf im Spiel ganz unterschiedliche Stimmungen haben.

Das Besondere daran ist, dass wir selbst an dieser Persönlichkeit mitwirken. Wir geben der Figur Eigenschaften, die in ihrer Gestaltung gar nicht ausdrücklich enthalten sind. So entsteht eine Verbindung zwischen dem, was ich aus Holz gestalte, und dem, was andere Menschen darin entdecken.

Wie wir uns eine Figur zu eigen machen

Es gibt einen Unterschied zwischen einem Gegenstand, den wir schön finden, und einem Gegenstand, der uns persönlich etwas bedeutet. Ein Holztier kann uns zunächst durch seine Form gefallen. Doch sobald wir es mit einer Erinnerung, einem Gefühl oder einer eigenen Geschichte verbinden, verändert sich unsere Beziehung dazu. Die Psychologie kennt den engen Zusammenhang zwischen dem eigenen Selbstbild und den Dingen, die wir als zu uns gehörig betrachten. Untersuchungen zeigen, dass Menschen Gegenstände, die sie sich selbst zuordnen, unter bestimmten Bedingungen besser erinnern als fremde Gegenstände. Dieser Effekt wird unter anderem mit der besonderen Verarbeitung selbstbezogener Informationen erklärt.[4]

Das bedeutet nicht, dass eine Holzfigur allein durch ihren Besitz wertvoller wird. Doch persönliche Bedeutung, Vertrautheit und das Gefühl der Zugehörigkeit können unsere Beziehung zu einem Gegenstand verändern. Für mich steckt darin eine interessante Erklärung dafür, weshalb Menschen zu bestimmten Figuren eine besondere Verbindung entwickeln. Wer in einem Holzschaf eine Erinnerung an die Allgäuer Hügellandschaft entdeckt, sieht darin mehr als eine handgefertigte Tierfigur. Wer mit einem bestimmten Pferd eine persönliche Geschichte verbindet, erkennt in seiner Form etwas Vertrautes wieder.

Und wenn Kinder mit ihren Holztieren spielen, geben sie ihnen eigene Eigenschaften, Namen und Geschichten. Sie schaffen Erlebnisse, die untrennbar mit diesen Figuren verbunden sind. So werden aus meinen Holztieren ihre Holztiere. Nicht weil sich das Holz verändert, sondern weil etwas Persönliches hinzugekommen ist.

Was Kinder in einfachen Formen entdecken

Gerade bei Kindern wird deutlich, wie viel Bedeutung aus wenigen Informationen entstehen kann. Schon früh lernen Kinder, Gegenstände anhand ihrer wesentlichen Eigenschaften zu erkennen. Die Entwicklungspsychologie beschreibt dabei den sogenannten Shape Bias. Gemeint ist die Tendenz, bei bestimmten Zuordnungsaufgaben besonders auf die Form eines Gegenstandes zu achten.

Die Wissenschaftlerinnen Barbara Landau, Linda Smith und Susan Jones zeigten bereits 1988, dass zwei und drei Jahre alte Kinder bei der Zuordnung neuer Gegenstandsbezeichnungen die Form häufig stärker berücksichtigen als Größe oder Oberflächenstruktur.[5] Ein Kind benötigt also nicht sämtliche Merkmale eines echten Tieres, um seine Darstellung wiederzuerkennen. Entscheidend ist, dass die wesentlichen Merkmale verständlich bleiben. Mit zunehmendem Alter entwickelt sich daraus etwas noch Spannenderes. Kinder beginnen, Gegenständen im Spiel eigene Bedeutungen zu geben. Sie entwickeln Geschichten, verteilen Rollen und erschaffen vorgestellte Welten. Erfahrungen aus ihrem Alltag fließen dabei ebenso ein wie ihre Wünsche, Gefühle und Fantasien.

Der Bayerische Erziehungsratgeber beschreibt, wie Kinder im Spiel ihre Umwelt entdecken, Erfahrungen sammeln und vorhandenes Wissen mit neuen Eindrücken verbinden.[6] Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit betont zudem, wie Kinder im Vorschulalter selbst Figuren und Geschichten erfinden und im Rollenspiel eigene Erlebnisse verarbeiten.[7]

Für die Allgäuer Holztiere bedeutet das: Ihre Form hilft Kindern, das dargestellte Tier zu erkennen. Ihre offene Gestaltung lässt ihnen Freiheit, daraus eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Ein und dieselbe Figur kann in unterschiedlichen Geschichten völlig verschiedene Rollen übernehmen. Sie bleibt als Gegenstand unverändert, bekommt aber im Spiel immer wieder eine neue Bedeutung. Dabei ist weniger nicht automatisch besser. Gerade jüngere Kinder profitieren von klar erkennbaren Formen. Erst mit wachsender Erfahrung und zunehmender Fähigkeit zum symbolischen Denken können sie auch abstrakteren Gegenständen immer vielfältigere Bedeutungen geben. Die Herausforderung liegt deshalb darin, Wiedererkennbarkeit und Offenheit miteinander zu verbinden. Meine Holztiere sollen eindeutig Tiere sein. Aber sie sollen nicht festlegen, welche Geschichten Kinder mit ihnen erleben.

Weniger vorgeben, mehr zutrauen

Unsere Allgäuer Natur liefert dafür ein wunderbares Vorbild. Wer mit Kindern durch einen Wald geht, braucht ihnen nicht jede Entdeckung vorzugeben. Ein umgestürzter Baum, das Rascheln im Laub oder Spuren auf einem Waldweg wecken bereits ihre Neugier. Die Natur gibt keine fertigen Geschichten vor. Sie bietet Anregungen, aus denen Kinder ihre eigenen Erlebnisse machen. Genau diese Offenheit möchte ich mit den Holzfiguren ins Kinderzimmer bringen. Ein Dachs aus bayerischem Ahornholz ist kein Ersatz für die Begegnung mit einem echten Tier. Er kann aber Erinnerungen an solche Begegnungen aufgreifen und die Fantasie anregen. Er wird Teil einer Welt, die Kinder selbst gestalten.

Das freie Spiel hat für die kindliche Entwicklung eine besondere Bedeutung. Kinder entscheiden dabei eigenständig, womit sie sich beschäftigen, welche Regeln gelten und wie sich ihre Spielideen entwickeln. Sie verarbeiten Erlebnisse, erproben unterschiedliche Rollen und entdecken neue Zusammenhänge. Ganz ohne vorgegebenes Ergebnis. Indem Kinder ihre Spielhandlungen selbst bestimmen, sammeln sie Erfahrungen mit ihrer eigenen Wirksamkeit. Sie entwickeln Ideen, treffen Entscheidungen, lösen Probleme und erleben, dass sie etwas aus eigener Kraft gestalten können. Diese selbstbestimmten Erfahrungen sind ein wichtiger Bestandteil ihrer Entwicklung.[7]

Die reduzierte Gestaltung meiner Holztiere soll genau dafür Freiräume schaffen. Weil ihre Mimik keine festen Gefühle vorgibt und ihre Formen auf das Wesentliche beschränkt sind, lassen sie unterschiedliche Rollen und Geschichten zu. Die Figuren geben einen vertrauten Ausgangspunkt, ohne den weiteren Verlauf des Spiels festzulegen. Dabei geht es nicht darum, Kindern möglichst wenig anzubieten. Es geht darum, ihnen genügend Anregung zu geben und gleichzeitig Raum für eigene Vorstellungen zu lassen. Die Holztiere sollen das freie Spiel unterstützen, nicht bestimmen. Wer selbst gestalten darf, lernt an sich zu glauben.

Dieser Gedanke ist für mich weit mehr als ein pädagogischer Anspruch. Er beschreibt eine Haltung, die meine Arbeit prägt. Ich möchte Kindern nicht jede Geschichte erzählen, nicht jedes Gefühl vorgeben und nicht jede Entscheidung abnehmen. Ich möchte ihnen etwas an die Hand geben, das ihre Neugier weckt und gleichzeitig genügend Freiheit lässt, etwas Eigenes daraus zu machen.

Die Schönheit des Unperfekten

Je länger ich mich mit der Gestaltung von Tierfiguren beschäftige, desto mehr fasziniert mich dieser scheinbare Widerspruch: Ich arbeite mit großer Genauigkeit an Figuren, die bewusst nicht alles zeigen. Die Linien sollen stimmen, die Proportionen ausgewogen sein und die Form auf das Wesentliche reduziert werden. Gleichzeitig lasse ich Raum für das, was andere Menschen darin entdecken.

Auch das Material trägt zu diesem Charakter bei. Ahornholz besitzt eine natürliche Maserung, die bei jeder Figur anders verläuft. Trotz sorgfältiger handwerklicher Bearbeitung gleicht kein Stück Holz vollständig dem anderen. Die pflanzlichen Farben lassen die Oberfläche lebendig wirken und die natürliche Struktur sichtbar bleiben.

Das erinnert mich an die Natur vor meiner Werkstatt. Kein Baum wächst vollkommen symmetrisch. Keine Bergsilhouette folgt einer mathematisch perfekten Linie. Kein Tier gleicht in allen Einzelheiten dem anderen. Und trotzdem empfinden wir gerade diese natürlichen Formen als schön. Die Eigenheiten des Materials und die bewusste Reduktion der Gestaltung gehören für mich zusammen. Beides erinnert daran, dass Schönheit nicht aus einer möglichst vollständigen, fehlerfreien Darstellung entstehen muss.

Die Geschichte gehört dem Kind

Am Ende geht es bei der Lust am Unperfekten um etwas sehr Grundsätzliches. Unser Gehirn braucht nicht jede Einzelheit, um ein Tier zu erkennen. Es verbindet das, was wir sehen, mit unseren Erfahrungen und ergänzt die vorhandenen Informationen zu einer vertrauten Vorstellung. Diese Vertrautheit kann Sympathie schaffen. Erinnerungen und persönliche Erlebnisse geben der Figur eine Bedeutung, die weit über ihre äußere Form hinausgeht. Deshalb sieht jeder Mensch ein anderes Holztier, obwohl wir alle dieselbe Figur betrachten.

Und Kinder gehen noch einen entscheidenden Schritt weiter. Sie erkennen nicht nur das Tier, sondern erschaffen aus ihm eine eigene Persönlichkeit. Sie geben ihm Gefühle, Eigenschaften und eine Geschichte, die sich mit jedem Spiel verändern kann. So entsteht aus einer einfachen Holzfigur etwas ganz Persönliches. Dafür braucht es keine vollständig ausgearbeiteten Gesichtsausdrücke und keine vorgefertigten Geschichten. Es braucht eine Form, die verstanden wird, und genügend Freiraum für das, was daraus entstehen darf.

„Ich gestalte meine Holztiere so, dass Kinder erkennen, welches Tier sie vor sich haben. Aber ich lasse bewusst offen, wer dieses Tier ist. Denn seine Geschichte gehört nicht mir. Sie gehört dem Kind.“
– Daniel Köpf, Allgäuer Holztiere

Darin liegt für mich die Lust am Unperfekten.

Quellen und weiterführende Literatur

[1] Gestaltpsychologie und visuelle Wahrnehmung
Wagemans, J. et al. (2012): A Century of Gestalt Psychology in Visual Perception: I. Perceptual Grouping and Figure-Ground Organization. Psychological Bulletin, 138(6), 1172–1217.
Wissenschaftliche Veröffentlichung

[2] Wahrnehmungsleichtigkeit und ästhetisches Empfinden
Reber, R., Schwarz, N. & Winkielman, P. (2004): Processing Fluency and Aesthetic Pleasure: Is Beauty in the Perceiver's Processing Experience? Personality and Social Psychology Review, 8(4), 364–382.
Wissenschaftliche Veröffentlichung

[3] Erfahrung und Vorwissen in der visuellen Wahrnehmung
Peelen, M. V., Berlot, E. & de Lange, F. P. (2024): Predictive Processing of Scenes and Objects. Nature Reviews Psychology.
Wissenschaftliche Veröffentlichung

[4] Persönliche Zugehörigkeit und Erinnerung
Cunningham, S. J. et al. (2008): Yours or Mine? Ownership and Memory. Consciousness and Cognition.
Wissenschaftliche Veröffentlichung

[5] Die Bedeutung der Form beim frühkindlichen Erkennen
Landau, B., Smith, L. B. & Jones, S. S. (1988): The Importance of Shape in Early Lexical Learning. Cognitive Development, 3(3), 299–321.
Wissenschaftliche Veröffentlichung

[6] Bedeutung des Spielens für die kindliche Entwicklung
Bayerischer Erziehungsratgeber: Spielen. Informationen zur Bedeutung des Spiels, zur kindlichen Neugier und zur Verarbeitung eigener Erfahrungen.
Quelle lesen

[7] Fantasie und Rollenspiel im Vorschulalter
Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit: Spielen und Lernen. Informationen zur Entwicklung von Fantasie, Rollenspielen und selbst gestalteten Spielwelten bei Kindern.
Quelle lesen

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