Tierfiguren in der systemischen Beratung
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Auf einem Beratungstisch stehen ein Reh, ein Steinbock, ein Fuchs und Igel. Das Reh steht etwas abseits. Der Steinbock befindet sich ihm gegenüber, der Fuchs dazwischen. Der Igel wurde mit deutlichem Abstand zu den anderen Figuren platziert. Was zunächst wie eine Gruppe von Holztieren aussieht, kann Teil einer systemischen Aufstellung mit Tierfiguren sein. Für die Person, die sie aufgestellt hat, können die Tiere Familienmitglieder, Kollegen, Konflikte, Ressourcen oder unterschiedliche innere Anteile repräsentieren.
Genau darin liegt eine besondere Möglichkeit von Tierfiguren in der systemischen Beratung. Was bisher erzählt, gedacht oder empfunden wurde, erhält eine räumliche Form. Beziehungen bekommen Abstände, unterschiedliche Positionen werden sichtbar und etwas, das bisher ausschließlich in Gedanken oder Worten existierte, steht plötzlich auf einem Tisch. Die Arbeit mit Repräsentanten ist innerhalb systemischer Aufstellungen etabliert. Die Fachgruppe Systemische Aufstellungen der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie, kurz DGSF, beschreibt als mögliche Ziele unter anderem die Visualisierung komplexer Situationen, das Strukturieren von Zusammenhängen, die Aktivierung von Ressourcen und das Öffnen neuer Perspektiven.[1] Auch Tierfiguren werden in der deutschsprachigen Fachliteratur als Arbeitsmittel in systemischer Beratung, Therapie, Supervision und Teamentwicklung beschrieben.[2][3]
Dabei ist eine Unterscheidung von Anfang an wichtig: Nicht das Tier erklärt das System. Der Mensch entscheidet, wofür das Tier steht.
Systemische Beratung betrachtet Beziehungen und Zusammenhänge
Systemische Beratung betrachtet einen Menschen nicht losgelöst von seinen Beziehungen und Lebenszusammenhängen. Sie richtet ihre Aufmerksamkeit auf Wechselwirkungen, unterschiedliche Perspektiven, Kommunikationsmuster, Ressourcen und die Kontexte, in denen Verhalten entsteht. Eine schwierige Situation im Beruf besteht beispielsweise selten ausschließlich aus der vermeintlich schwierigen Eigenschaft eines Kollegen. Erwartungen einer Führungskraft, Rollen innerhalb eines Teams, informelle Hierarchien, frühere Erfahrungen und die eigene Position beeinflussen ebenso, wie eine Situation wahrgenommen und bewertet wird.
Der systemische Berater beansprucht dabei nicht, dieses Geflecht von außen objektiv erklären zu können. Vielmehr begleitet er Klienten dabei, ihre eigenen Sichtweisen zu betrachten, Unterschiede wahrzunehmen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Heiko Kleve ordnet die Aufstellungsarbeit ausdrücklich in den Kontext systemischer Beratung ein.[4] Diese Haltung ist für die Arbeit mit Tierfiguren entscheidend. Eine Aufstellung soll nicht offenbaren, wie ein System tatsächlich ist. Sie macht sichtbar, wie ein Mensch dieses System zu einem bestimmten Zeitpunkt wahrnimmt.
Wenn aus einer Erzählung ein räumliches Bild wird
Beratung findet zu einem großen Teil über Sprache statt. Menschen berichten von Situationen, beschreiben Beziehungen und versuchen, Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen. Bei komplexeren Konstellationen wird das schnell unübersichtlich. Eine Kollegin, mit der die Zusammenarbeit eigentlich gut funktioniert, ein neuer Vorgesetzter, ein weiterer Kollege, der Einfluss auf die Situation nimmt, dazu unterschiedliche Erwartungen und ein Konflikt, der gar nicht eindeutig einer einzelnen Person zugeordnet werden kann. Schon nach wenigen Beziehungen entsteht ein Geflecht.
Eine systemische Aufstellung verändert die Form der Betrachtung. Relevante Personen oder Aspekte werden durch Stellvertreter repräsentiert und räumlich zueinander angeordnet. Plötzlich gibt es Abstände und Blickrichtungen. Figuren stehen einander gegenüber oder voneinander abgewandt. Manche bilden eine Gruppe, andere befinden sich außerhalb. Eine Figur steht zwischen zwei anderen. Damit ist noch nichts erklärt. Aber etwas zuvor ausschließlich Erzähltes ist sichtbar und vor allem veränderbar geworden.
Dabei müssen keineswegs ausschließlich Menschen repräsentiert werden. Abhängig von der Fragestellung erhalten auch Probleme, Ressourcen, Ziele, Entscheidungen oder andere relevante Aspekte einen eigenen Platz. Genau darin liegt eine Stärke räumlicher Verfahren: Unterschiedliche Elemente einer Situation lassen sich gleichzeitig betrachten und miteinander in Beziehung setzen.
Warum Tierfiguren in der systemischen Beratung interessant sind
Für systemische Aufstellungen werden Menschen, abstrakte Aufstellungsfiguren, Gegenstände, Bodenanker oder andere Platzhalter verwendet. Tierfiguren eröffnen einen besonderen Zugang, weil sie gleichzeitig konkret und offen sind. Wir erkennen einen Fuchs sofort als Fuchs. Trotzdem schreibt die Figur nicht vor, wen oder was sie darstellen soll.
Menschen verbinden Tiere mit persönlichen und kulturellen Vorstellungen. Ein Fuchs wird als intelligent oder vorsichtig wahrgenommen, ein Igel mit Schutz oder Rückzug verbunden und ein Steinbock mit Stärke oder Distanz. Solche Assoziationen spielen bei der Auswahl einer Figur eine Rolle. Sie dürfen jedoch nicht mit ihrer tatsächlichen Bedeutung innerhalb einer konkreten Aufstellung verwechselt werden.
Frank Natho beschreibt die Arbeit mit Tierfiguren auf Grundlage bildhaft metaphorischer Arbeitstechniken und der menschlichen Neigung, soziale Wirklichkeit mithilfe von Tiermetaphern zu beschreiben. Sein Ansatz findet unter anderem in Beratung, Teamsupervision und Teamentwicklung Anwendung.[2] Gökhan Demir beschreibt ebenfalls konkrete Formen der Aufstellungsarbeit mit Tierfiguren, darunter die Darstellung sozialer Systeme und die Arbeit mit innerpsychischen Anteilen.[3] Die Tierfigur ist damit nicht bloß ein dekorativer Stellvertreter. Bereits ihre Auswahl ist Teil des Reflexionsprozesses.
Ein Igel bedeutet nicht automatisch Abgrenzung
Gerade weil Tiere Assoziationen hervorrufen, entsteht allerdings eine methodische Versuchung. Der Igel steht für Abgrenzung, der Fuchs für Schlauheit, das Reh für Verletzlichkeit und der Steinbock für Stärke. Eine solche Zuordnung erscheint zunächst plausibel. Aus systemischer Perspektive wird sie jedoch problematisch, sobald die Interpretation des Beraters die Bedeutung des Klienten ersetzt.
Eine Klientin kann den Igel gewählt haben, weil sie ihn mit Geborgenheit verbindet. Der Steinbock kann für Einsamkeit stehen. Das Reh kann wegen seiner Körperhaltung gewählt worden sein und nicht wegen seiner vermeintlichen Sanftheit. Professionelle Arbeit beginnt deshalb nicht mit der Erklärung „Der Igel bedeutet …“, sondern mit einer Frage: „Was macht gerade dieses Tier für Sie passend?“
Die Orientierungshilfe der DGSF ist an diesem Punkt eindeutig. Die Klientin oder der Klient wird als Experte für sich und die eigene Lebensgestaltung verstanden. Die Prozessverantwortung liegt bei der Beratung, die Deutungshoheit einer Aufstellung dagegen beim Klienten. Die DGSF warnt ausdrücklich vor einem Vorgehen, bei dem Beratende vermeintliche Wahrheiten aus einer Aufstellung ableiten und Klienten von der eigenen Interpretation überzeugen wollen.[1] Für die Arbeit mit Tierfiguren ist diese Zurückhaltung keine Einschränkung, sondern eine wesentliche Voraussetzung.
Wie eine systemische Aufstellung mit Tierfiguren abläuft
Eine Aufstellung beginnt nicht mit der Frage, welches Tier für welche Person steht, sondern mit dem Anliegen. Gemeinsam wird zunächst geklärt, was betrachtet werden soll und welches Ziel mit der Beratung verbunden ist. Die DGSF misst dieser systemischen Auftragsklärung besondere Bedeutung bei. Ein beschriebenes Problem ist noch kein Beratungsauftrag. Erst wenn geklärt wird, wobei Unterstützung gewünscht ist und woran eine hilfreiche Veränderung erkannt werden kann, entsteht eine konkrete Arbeitsgrundlage.[1]
Anschließend wird entschieden, welche Elemente für die Fragestellung relevant sind. Das können Menschen sein, aber ebenso ein Problem, eine Ressource, ein Ziel, eine Entscheidung oder ein innerer Anteil. Nun wählt der Klient die Tierfiguren aus. Bereits diese Entscheidung ist Gesprächsanlass. Warum gerade dieses Tier? Welche Eigenschaft war ausschlaggebend? War es die Tierart, die Größe, die Körperhaltung oder eine persönliche Erinnerung?
Danach werden die Figuren räumlich zueinander positioniert. Abstände, Blickrichtungen, Gruppierungen und Positionen werden gemeinsam betrachtet. Auch hier gilt, dass ein großer Abstand nicht automatisch emotionale Distanz und eine große Figur nicht automatisch Macht bedeutet. Entscheidend ist, was der Klient selbst darin erkennt. Im weiteren Verlauf wird die entstandene Konstellation verändert. Figuren werden verschoben, gedreht, hinzugefügt oder entfernt. Eine bislang fehlende Ressource erhält einen Platz oder eine gewünschte zukünftige Situation wird probeweise dargestellt. Der Tisch wird damit zu einem Raum, in dem unterschiedliche Perspektiven und mögliche Veränderungen sichtbar gemacht und erkundet werden.
Von Familien über Teams bis zu inneren Anteilen
Tierfiguren in der systemischen Beratung sind keineswegs auf klassische Familienaufstellungen beschränkt. Familien und soziale Beziehungen sind ein naheliegendes Anwendungsfeld, weil mehrere Personen und ihre wahrgenommenen Beziehungen zueinander räumlich dargestellt werden. Ebenso ermöglichen Tierfiguren in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen einen gegenständlichen Zugang zu einer Fragestellung. Demir beschreibt die Darstellung des sozialen Systems Familie als einen möglichen Einsatzbereich der Tierfigurenarbeit.[3]
Auch berufliche Situationen lassen sich auf diese Weise betrachten. Führungskräfte, Kollegen, Kunden, Abteilungen, Ziele oder Hindernisse werden durch unterschiedliche Figuren repräsentiert. Für Teamsupervision und Teamentwicklung liegt mit Frank Nathos *Das Team in Tierfiguren* eine konkrete deutschsprachige Veröffentlichung vor, in der Tierfiguren zur Rollen und Beziehungsreflexion innerhalb von Teams eingesetzt werden.[2]
Ein weiteres Feld ist die Arbeit mit inneren Anteilen und Ambivalenzen. Unterschiedliche Tiere repräsentieren verschiedene innere Positionen, etwa bei Entscheidungen oder widersprüchlichen Bedürfnissen. Damit übernimmt dasselbe Tier in verschiedenen Beratungsprozessen vollkommen unterschiedliche Funktionen. Ein Igel kann heute einen Kollegen repräsentieren, morgen ein Hindernis und in einem anderen Kontext einen schützenden inneren Anteil. Die Bedeutung liegt nicht im Tier selbst.
Welche Figuren eignen sich für systemische Aufstellungen?
Damit stellt sich eine praktische Frage: Welche Eigenschaften sollte eine Figur besitzen, wenn sie professionell in Beratung, Coaching oder Supervision eingesetzt werden soll? Eine vollkommen abstrakte Figur bietet viel Projektionsraum, gleichzeitig aber nur wenige Merkmale für eine intuitive Unterscheidung. Eine stark charakterisierte Figur erleichtert die Auswahl, bringt dafür jedoch bereits zahlreiche eigene Bedeutungen mit. Tierfiguren bewegen sich zwischen diesen beiden Polen.
Für ein professionelles Arbeitsmaterial sind unterschiedliche Größen, Silhouetten und Körperhaltungen relevant. Bei räumlichen Aufstellungen spielt zudem eine Rolle, wie eindeutig sich die Figuren zueinander ausrichten lassen. Sie können einander zugewandt, voneinander abgewandt oder seitlich positioniert werden. Eine bewusst reduzierte Mimik lässt dabei Raum für individuelle Zuschreibungen, anstatt Emotionen bereits durch die Gestaltung vorzugeben. Entscheidend ist, dass diese Merkmale keine festgelegte psychologische Bedeutung besitzen. Eine große Figur steht nicht automatisch für Macht, ein kleines Tier nicht für Schwäche und eine abgewandte Position nicht zwangsläufig für Ablehnung. Die Figuren machen Unterschiede sichtbar. Welche Bedeutung diese Unterschiede erhalten, entsteht erst im Gespräch.
Auch die Anzahl der Figuren lässt sich nicht allgemeingültig festlegen. Ein professionelles Set muss nicht zwangsläufig zwanzig oder dreißig Tiere enthalten und es gibt keine fachlich verbindliche Liste notwendiger Tierarten. Entscheidend ist, dass genügend Unterschiede vorhanden sind, ohne den Klienten zu bestimmten Zuordnungen zu drängen. Ebenso ist es sinnvoll, mehrere ähnliche oder gleiche Tiere zur Verfügung zu haben. Ein Team besteht schließlich möglicherweise aus acht Personen, ohne dass jede davon zwingend durch eine andere Tierart dargestellt werden muss.
Tierfiguren oder abstrakte Aufstellungsfiguren?
In der systemischen Arbeit werden häufig stark reduzierte menschliche Figuren oder abstrakte Formen verwendet. Dafür gibt es gute Gründe. Je weniger Eigenschaften eine Figur mitbringt, desto weniger Bedeutung scheint zunächst vorgegeben. Tierfiguren verfolgen einen anderen Ansatz. Sie sind nicht neutral. Ein Fuchs unterscheidet sich unmittelbar von einem Reh und ein Wildschwein erzeugt andere Assoziationen als ein Feldhase.
Genau darin liegt ihr methodischer Reiz. Während eine abstrakte Holzfigur hauptsächlich durch Größe, Form, Farbe oder Position unterscheidbar wird, bringt ein Tier eine zusätzliche metaphorische Ebene mit. Die Entscheidung für eine bestimmte Figur wird deshalb bereits zum Anlass für eine Frage. Keine der beiden Formen ist grundsätzlich überlegen. Welches Material hilfreich ist, hängt von Methode, Fragestellung, Klient und Arbeitsweise des Beratenden ab.
Warum sich Allgäuer Holztiere für systemische Aufstellungen eignen
Allgäuer Holztiere wurden nicht als therapeutisches Instrument entwickelt. Sie entstanden als Holzspielzeug für das freie Spiel von Kindern. Gerade darin liegt jedoch eine interessante Verbindung zur systemischen Arbeit. Ihre Gestaltung folgt einem einfachen Grundgedanken: Die Figur gibt keine fertige Geschichte vor. Im freien Spiel entscheidet ein Kind, welche Rolle ein Tier übernimmt. In einer systemischen Aufstellung entscheidet ein Klient, wofür eine Figur steht.
Diese Gemeinsamkeit ist kein Nachweis einer therapeutischen Wirkung. Sie beschreibt eine gestalterische Eigenschaft. Für ein Arbeitsmaterial, dessen Bedeutung möglichst beim Klienten bleiben soll, ist diese Eigenschaft relevant. Allgäuer Holztiere sind eindeutig als unterschiedliche Tierarten erkennbar und gleichzeitig bewusst reduziert gestaltet. Sie besitzen keine stark ausgeprägte Mimik und keine inszenierten Gesichtsausdrücke, die bereits vermitteln, ob ein Tier traurig, aggressiv, ängstlich oder glücklich ist. Damit entsteht eine Balance zwischen Wiedererkennbarkeit und Offenheit. Die Tierart liefert einen Impuls, die Interpretation bleibt beim Menschen.
Auch unterschiedliche Größen und Körperhaltungen erweitern die Möglichkeiten einer räumlichen Darstellung. Eine sitzende Figur erzeugt ein anderes Bild als eine stehende, ein kleines Jungtier verändert eine Konstellation anders als eine größere erwachsene Figur. Ein Tier kann einer anderen Figur zugewandt, von ihr abgewandt oder seitlich zu ihr positioniert werden. Auch diese Unterschiede besitzen keine festgelegte systemische Bedeutung. Gerade deshalb ermöglichen sie Fragen. Warum wurde die kleinere Figur gewählt? Spielte ihre Größe überhaupt eine Rolle? Was verändert sich, wenn das Tier gedreht wird? Welche Position erscheint dem Klienten passender?
Warum ausschließlich Tiere aus dem Allgäu?
Ein Tier-Set für systemische Beratung kann theoretisch versuchen, möglichst viele bekannte Symboltiere zusammenzubringen. Löwe, Elefant, Tiger oder Adler liegen dafür nahe. Sie tragen allerdings bereits starke kulturelle Zuschreibungen in sich. Bei den Allgäuer Holztieren gibt es keinen Löwen für Führung, keinen Elefanten für Stärke und keinen Adler für Überblick. Die Auswahl folgt keiner psychologischen Typologie, sie folgt einer Region.
Reh, Fuchs, Dachs, Igel, Feldhase, Wildschwein, Steinbock oder Eichhörnchen gehören zu einer gemeinsamen Tierwelt. Kuh, Schaf und Pferd prägen die Kulturlandschaft des Allgäus. Diese bewusste Begrenzung ist Teil der Herkunft und Identität der Allgäuer Holztiere. Für die systemische Arbeit ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Unterschiede entstehen nicht durch möglichst extreme oder exotische Tiercharaktere.
Ein Steinbock unterscheidet sich deutlich von einem Reh, ein Wildschwein vom Feldhasen und ein Dachs vom Eichhörnchen. Dennoch stammen die Figuren aus einem gemeinsamen regionalen Kontext. Gerade dadurch entsteht kein vorgefertigtes psychologisches System. Der Steinbock ist nicht „der Starke“, das Reh nicht „die Verletzliche“ und der Fuchs nicht „der Schlaue“. Es sind zunächst Tiere aus dem Allgäu. Welche Bedeutung sie innerhalb einer Aufstellung erhalten, entscheidet der Mensch, der sie auswählt.
Die regionale Begrenzung schafft zugleich eine gemeinsame gestalterische Klammer. Alle Figuren gehören zu einer gemeinsamen Lebenswelt und bleiben trotzdem grundverschieden. Sie unterscheiden sich in Größe, Erscheinung und Lebensweise. Diese biologische und kulturelle Zugehörigkeit sollte nicht psychologisch überinterpretiert werden. Als Gestaltungsprinzip entsteht daraus jedoch eine zusammenhängende Figurenwelt anstelle einer Sammlung möglichst plakativ ausgewählter Symboltiere.
Tierfamilien, Haptik und die Arbeit mit Holz
Einige Allgäuer Holztiere existieren als Familien mit erwachsenen Tieren und Jungtieren derselben Tierart. Für Aufstellungen eröffnet das zusätzliche Möglichkeiten. Mehrere Figuren werden sichtbar als zusammengehörig wahrgenommen und unterscheiden sich gleichzeitig in Größe oder Körperhaltung. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass ein Jungtier für ein Kind stehen muss. Ein Jungtier kann ebenso eine Führungskraft, eine Ressource oder ein Problem repräsentieren. Die Bedeutung entsteht erst durch die Zuordnung des Klienten.
Hinzu kommt die Materialität. Bei einer Aufstellung werden Figuren nicht nur angesehen. Sie werden ausgewählt, in die Hand genommen, aufgestellt, gedreht und verschoben. Allgäuer Holztiere werden aus massivem Ahorn gefertigt. Dadurch besitzen sie Gewicht, Festigkeit, eine wahrnehmbare Oberfläche und eine natürliche Maserung. Als Arbeitsmaterial sind sie physisch präsent und unmittelbar handhabbar. Darüber hinausgehende therapeutische Wirkungen des Materials sollten nicht behauptet werden, solange dafür keine belastbaren wissenschaftlichen Nachweise vorliegen. Holz muss keine therapeutische Wirkung besitzen, um ein hochwertiges, langlebiges und angenehmes Arbeitsmaterial zu sein.
Ein gutes Arbeitsmittel darf zurücktreten
Die interessanteste Eigenschaft reduzierter Holztiere liegt weniger darin, was sie können, sondern darin, was sie nicht tun. Sie erklären nicht, bewerten nicht und diagnostizieren nicht. Sie geben keine Rollen vor und liefern keine Lösung. Sie stehen zunächst einfach auf dem Tisch.
Ob ein Igel dort ein Familienmitglied, eine Angst, einen Konflikt oder eine Ressource repräsentiert, entscheidet der Mensch, der ihn ausgewählt hat. Der Berater begleitet den Prozess und stellt Fragen. Die Figur macht etwas sichtbar und veränderbar, ohne selbst die Erklärung dafür zu liefern. Darin liegt eine besondere Eignung der Allgäuer Holztiere für systemische Arbeit. Sie bringen genügend Eigenständigkeit mit, um eine bewusste Auswahl zu ermöglichen, und gleichzeitig genügend Offenheit, um die Geschichte des Klienten nicht zu übernehmen.
Die Methode steht und fällt mit der Haltung des Beraters. Die Figur gibt einen Rahmen, die Bedeutung entsteht beim Menschen.
So interessant das Arbeitsmaterial ist, die Qualität einer systemischen Aufstellung entsteht nicht durch die Figuren. Ein hochwertiger Satz Holztiere macht aus einer Aufstellung noch keine professionelle systemische Beratung. Die DGSF nennt als Voraussetzungen für professionelles Arbeiten mit systemischen Aufstellungen unter anderem eine fundierte systemische Ausbildung, Fachkompetenz in der Aufstellungsarbeit sowie Erfahrung und kontinuierliche Selbstreflexion.[5]
Ebenso wichtig sind eine sorgfältige Auftragsklärung, Transparenz und ein klientenzentriertes Vorgehen. Die Prozessverantwortung liegt bei der Beratung, die Deutungshoheit bleibt beim Klienten.[1] Diese Grundhaltung schützt die Arbeit vor einem der größten Missverständnisse der Aufstellungsmethode: der Vorstellung, eine bestimmte Konstellation könne eine objektive Wahrheit über eine Familie, ein Team oder einen Menschen offenlegen.
Das kann sie nicht. Eine Aufstellung zeigt ein Bild, das in einem bestimmten Kontext, zu einem bestimmten Zeitpunkt und aus einer bestimmten Perspektive entstanden ist. Gerade deshalb lässt sich darüber sprechen und damit arbeiten.
Vom Holzspielzeug zum professionellen Arbeitsmaterial
Allgäuer Holztiere wurden für das freie Spiel entwickelt. Daraus lässt sich ein speziell zusammengestelltes Arbeitsmaterial für systemische Beratung, Coaching, Supervision oder andere professionelle Kontexte entwickeln. Entscheidend ist dabei die Praxis.
Ein seriöser Entwicklungsprozess bezieht systemische Berater, Coaches und weitere qualifizierte Fachkräfte ein und untersucht, welche Eigenschaften gutes Arbeitsmaterial tatsächlich benötigt. Welche Tiere werden häufig gewählt und welche fehlen? Werden mehrere Tiere derselben Art benötigt? Welche Größen funktionieren auf einem Systembrett? Welche Rolle spielen Blickrichtung und Körperhaltung? Sind Tierfamilien hilfreich oder beeinflussen sie die Auswahl zu stark? Wie viele Figuren braucht ein sinnvoll zusammengestelltes Set?
Gerade die regionale Herkunft bildet dabei einen klaren Ausgangspunkt. Nicht ein möglichst universelles Sortiment aus vermeintlich archetypischen Tieren ist das Ziel, sondern eine bewusst begrenzte Figurenwelt aus dem Allgäu. Ein solches Set bezieht seine Qualität nicht daraus, dass für jede menschliche Eigenschaft bereits das passende Tier vorhanden ist. Seine Stärke liegt gerade darin, dass diese Zuordnung offenbleibt.
Die Stärke liegt darin, nichts vorzugeben
Die Arbeit mit Tierfiguren besitzt eine bemerkenswerte Spannung. Ein Tier ist nicht vollkommen neutral. Wir bringen Erfahrungen, kulturelle Bilder und persönliche Assoziationen mit, sobald wir es sehen. Gleichzeitig bleibt seine Bedeutung innerhalb einer Aufstellung offen.
Der Fuchs muss nicht für Klugheit stehen. Der Igel nicht für Abgrenzung. Das Reh nicht für Verletzlichkeit und der Steinbock nicht für Stärke. Für einen Menschen bedeuten sie genau das. Für einen anderen etwas vollkommen anderes. Professionelle systemische Arbeit entscheidet das nicht im Voraus, sie fragt.
Gerade eine bewusst begrenzte Tierwelt ist dafür interessant. Keine Sammlung psychologischer Archetypen aus aller Welt, sondern Tiere, die zunächst nur eines gemeinsam haben: Sie gehören ins Allgäu. Alles Weitere entsteht auf dem Tisch.
Eure Erfahrungen und Wünsche
Allgäuer Holztiere eröffnen für systemische Beratung, Coaching und Supervision ein neues Anwendungsfeld. Entscheidend ist dabei die Perspektive der Menschen, die täglich professionell mit Aufstellungen und Repräsentanten arbeiten.
Welche Erfahrungen habt ihr mit Tierfiguren in der systemischen Beratung gemacht? Welche Tierarten, Größen oder Körperhaltungen fehlen euch in der Praxis? Wie wichtig sind für euch offene Mimik, Haptik, unterschiedliche Größen oder mehrere Figuren derselben Tierart? Und welche Anforderungen sollte ein professionelles Set aus eurer Sicht unbedingt erfüllen?
Schreib mir gerne eine Nachricht. Deine Erfahrungen, Wünsche und Rückmeldungen fließen direkt in die weitere Entwicklung ein.
Fußnoten
[1] Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. V. (DGSF), Fachgruppe Systemische Aufstellungen: Qualitätssicherung für die Aufstellungsleitung. Eine Themensammlung. Orientierungshilfe zu Ethik, Rahmenbedingungen, systemischer Auftragsklärung, Kontextbezogenheit, klientenzentriertem Vorgehen und Stellvertretung.
[2] Natho, Frank (2007): Das Team in Tierfiguren. Eine Arbeitsform zur Rollen- und Beziehungsreflexion im Team. In: Systhema, 21. Jahrgang, Heft 3, S. 357–370.
[3] Demir, Gökhan (2024): Aufstellungsarbeit mit Tierfiguren. Arbeitspapier, Social Science Open Access Repository, URN: urn:nbn:de:0168-ssoar-93923-9.
[4] Kleve, Heiko (2020): Aufstellungsarbeit in der systemischen Beratung. In: Stadler, Christian; Kress, Bärbel (Hrsg.): Praxishandbuch Aufstellungsarbeit. Grundlagen, Methodik und Anwendungsgebiete. Springer, S. 115–130.
[5] Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. V. (DGSF): Fachgruppe Systemische Aufstellungen. Informationen zu Zielen, professionellen Voraussetzungen und Qualitätsstandards systemischer Aufstellungsarbeit.
Bildhinweis: Illustrative Darstellung, KI-generiert